Drechseln und Meer

J. Frey
 

Wunderbares entsteht aus Vergehendem

Von Pilzfäden durchwirkte Dose aus altem Birkenholz
Ein Stück Birkenstamm lagerte schon jahrelang im „Morast“ des Waldbodens und war bereits zum Teil von Bakterien und Pilzen der Natur zurückgegeben worden.
Die Pilze hatten ihr Werk jedoch noch nicht an dem Teil beendet, das oberhalb des Waldbodens lag. Ich*) entdeckte es zufällig und vermutete, daß sich unter der vergehenden Hülle Wunderbares verstecken könnte. Ich nahm das nach frischen Pilzen duftende Holz mit und lagerte es an einem trockenen und luftigen Ort. Dabei wird das Pilzwachstum im Stamm reduziert, der  angenehme Geruch bleibt jedoch bestehen.
Nach ca.2,5 Jahren hat die Holzfeuchte einen Wert erreicht, der ein vorsichtiges Andrechseln erlaubt. Ein Rohling entsteht, der nun in der Tiefe trocknen muß. Eine kurze Mikrowelleneinstrahlung stoppt das Pilzleben, um die Form stabil zu halten. Vor dem Drechseln wird Festigkeit und Dichte des Holzes geprüft, damit es nicht auseinanderfliegt. Erfreulich ist es, wenn die feinen Fäden verschiedener Pilze das Holz inzwischen durchdrungen haben, das verspricht ein schönes Farbbild.
Die geringe Dichte und „Weichheit“ des Birkenholzes erlaubt jedoch kein Drechseln ohne eine weitere Vorbehandlung. Das zu bearbeitende Holz wird zuerst in ein Leinsamen-Ölbad getaucht und dann mit einem Stein beschwert in eine Vakuumkammer gestellt. Die in der Kammer befindliche Luft wird langsam abgesaugt. Die Luft im Holz möchte nun den frei werdenden Luftraum ausfüllen und wird sich erheblich ausdehnen. Dabei verlässt die Luft das Holz, und da das Holz komplett von Oel umgeben ist, schäumt das Öl auf.
Die Kammer ist nun mit extrem dünner Luft gefüllt. Nach einer Stunde wird diese vorsichtig durch normale Luft ersetzt. Jetzt dreht sich der Vorgang um: die vorher aus dem Holz entwichene Luft möchte wieder zurück ins Holz! Aber da das Holz ja in Öl schwimmt, geht das nicht. Der normale Luftdruck, welcher wieder in die Vakuumkammer strömt, drückt das Öl in alle verbliebenen Hohlräume. Dann wird das Holz aus dem Ölbad genommen und lagert einige Monate an der Luft, damit das im Holz verbliebene Öl unter Sauerstoffkontakt aushärten kann. Beim Andrechseln des Rohlings entscheidet sich, ob eine Bearbeitung in der Tiefe möglich ist.
Weitere Bearbeitungsschritte sind notwendig - diverse Schleifstadien, Tonkaöl-Behandlung, Bienenwachsschutzschicht - bis am Ende dieses Natur-Kunstwerk entstanden ist. Ein passender Deckel aus Eschenholz vervollständigt es.  Eine dünne Ölpolitur, die mit einem fusselfreien Lappen aufgetragen wird, läßt das Holz, das schon im Zersetzungsprozess war, noch lange glänzen.



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